Zu Hölderlin

Karl Vollmer

Ob es die Götter sind,

wie Hölderlin sagt, die

mich antreiben, beglücken,

Mut geben zur Selbstreflexion,

ich weiß nicht, ob die Worte stimmen?

Jedenfalls ist etwas in mir,

meine kreative Unruhe,

meine Lust zu probieren, spüren,

was das macht, wenn ich

Dinge sprechen lasse, forme,

dass sie Körper, Dinge werden,

Düfte, Hüften, Blüten, Augen.

Sie werden ganz konkret,

und fliegen durch den Kosmos

und mein Denken,

meine Finger, meine Welt.

Das Leben ist hineingehaucht

durch das Sagen,

Wort für Wort,

durch das Bilden,

Strich und Farbe.

Leben zum Fragen, ja.

Leben zum Prüfen,

ist es gut so?

Wir mit den Göttern, dem einen…?

Es gibt kein Entrinnen aus der Kunst

Paul Blau

Es gibt kein Entrinnen aus der Kunst, sage ich. Ich spreche es anonym in den Wind, wo das Getöse unermesslich ist. Meine Stimme klingt laut, weil sie laut sein will, weil sie laut sein muss, lauter als die zerschossenen Fahnen, lauter als die Feuer der Zerstörung, lauter als der Lärm, den die Dummheit grölend überall vollführt.

In unseren Köpfen schlummern Schläfer, die nur darauf warten, Mohnblumen auszusäen auf all diesen vertrockneten Wiesen, in all diesen verwaisten Straßengräben, Mohnblumen, deren Blühen bleibt, wenn wir uns wiedersehen.

Gestern waren wir nüchtern, und wir hatten keine Botschaft mehr. Aber heute, glaub mir, heute erwachen wir mit unübersehbarer Kraft. Erschöpft lagen wir dort unten im Tal und hatten keine Stimme mehr, eine Heiserkeit hatte sich ihrer bemächtigt in mächtiger Beklemmung. Nun sind wir wieder zugegen, gegenwärtig und wach. Wir trinken schlechten Wein, als wären wir genau die Legenden, von denen wir in den traurigen Tagen bereits träumten, als wären wir genau die Verlierer, mit denen wir uns verbündeten, als wären wir genau die, die immer noch etwas heraus zu würgen haben, wenn jedem Andern bereits das Wort im Halse gebricht.

Es gibt kein Entrinnen aus der Kunst, rufe ich in eine taub gewordene Menschenmenge hinein, manchmal rufe ich, ohne dass dabei ein Ton zu vernehmen ist. Ich habe keine Waffe, ich habe nur ein Blatt Papier, das ich dir hinhalte, als hättest du darauf gewartet. In der Finsternis, die keine Sterne mehr kennt, erfinde ich dir Sterne, wenn du willst. Das ist meine geheime Fähigkeit, die ich unter der Haut trage, als müsste ich mich dafür schämen.

Ein wirres Bilderspiel entkommt den Öffnungen, Wirrwarr überhaupt schlüpft unter den gemäßigten Fragmenten von Eierschalen hervor, die nichts ahnen von ihrer schonungslosen Bestimmung. Die Vulkane sind im Ausbruch. Die Tore sind aufgetan. Ich habe keine Zuflucht mehr. So ringt es mit mir, kämpft es sich aus mir, schlangengleich schlängelt es sich nach draußen, ergießt sich gar im Schwall. Selbst wenn ich es zu verhindern suche, um vielleicht wenigstens einmal vernünftig zu sein, ergießt es sich erbarmungslos und absichtslos bis zuletzt.

Alles hat sich aufgelöst. Wir suchen eine Bleibe, und bleiben doch ruhelos und ohne Heimat. Wir hausen unter einem Bauwagen in der Erwartung, dass doch zu guter Letzt noch eine Abschweifung bleibt oder ein hoffnungsvoller Briefumschlag.

Es gibt kein Entrinnen aus der Kunst, denke ich und löse die Farben aus den Worten heraus, koste sie aus bis zum Schluss. Selbst wenn sie verblassen wie so oft, und wir uns bereits mit ihrem Verschwinden zufrieden gegeben haben, werden wir am Ende doch noch eines von diesen Stillleben in Händen halten, an denen die alten Meister sich erfreuten.

Ich weiß nicht, wo ich bleibe, also bleibe ich einfach hier. Ich sitze vor meinem Gemälde, unschuldig wie vormals, unschuldig wie ein Kind und trage Pigmente auf mit Pinseln, die meine Finger sind. Und wenn ich nur noch meine Finger habe, dann streichle ich dir die Haut bergauf und bergab, dann streichle ich dir das Öl ins Feuer. Ich brauche keine Ertüchtigung und keine Schulmeisterei, denn die Bewertungen der Museumsbesucher sind nicht mehr wert als eine Münze, die von Hand zu Hand geht. Niemand hat sich gemeldet, um mir die Sprache zurechtzufeilen, niemand hat sich gemeldet, um diese Worte abzurunden, niemand hat sich gemeldet, um sich mit mir zu versöhnen. So stehe ich einfach hinter dieser Straßenecke wie ein Video-Still, das ich mir ausgesucht habe.

Es gibt kein Entrinnen aus der Kunst, sage ich, denn es gibt keinen Ort, sich zu besinnen, es gibt keinen Ort, selbst wenn wir traurig werden dabei. Und es gibt keine Errettung aus dem Schrei, der von der Brücke fällt. Und es gibt keinen Ausweg aus der Schönheit, die wir sind, sage ich.

Gott ist ein Wort

S. A. F. Seiler

Gott ist ein Wort

das von meinen Lippen wegbricht,

nur dass es nirgendwo zerschellt

und seine Grotten voll Kristallen

nicht freigibt.

Dann lebe ich mich leer

und schütte mein getrübtes Wasser fort.

Verklinge ich mich still

und tanze ich mich hell

im dichten Licht

vorbeispringenden Wassers.

Das Leben kann in Gotteskristallstaub

getaucht sein,

zugeweht von fernem Aufprall.

Frei werden

Simon Felix Geiger

Im Steinbruch meiner Dunkelheiten

trag ich festhängende Feindbilder ab

Abgebrochene Brocken bringe ich,

fein sie brechend, in geklärte Form

In den Bruchstücken liegen zusammen-

gekauert: Lichtfäden, die sich, sanft

berührt, in Bewegung setzen und

befreite Freundschaften eröffnen

Entfremdung wird Zusammenhalt

im Irrwahn-Wirr-Warr-Stimmen-Wald

zu sich kommend lässt sich finden

befreitwerdendes Überwinden

Das Schreiben ist

Paul Blau

Das Schreiben ist ein mieses Geschäft, ist ein lumpiger Nachtjob, bei dem die Schönheit dich immer wieder angreift, um dir ihre Klauen ins Fleisch zu schlagen, und du kannst nicht anders, kannst dich ihrer nicht erwehren, verbrauchst Unmengen von Papier, müllst all deine Zustände damit voll, es gibt keinen Schutz, und nur betörende Substanzen retten dich darüber hinweg, dass du wieder einmal am Leben vorbeitreibst. Die Fenster sind voll von Perlen, und bei genauerem Hinsehen entpuppen sie sich oft doch nur als Regentropfen. Du hast dir dieses Zimmer erfunden, um endlich frei zu sein. Und nun? Es dringen die Träume zu dir vor, um dich in ihren Bann zu ziehen, wie auch immer sie zu dir sprechen, du musst sie beherzigen und etwas mit ihnen beginnen. Da sitzt du vor deinen Zeilen, dabei würdest du so gerne einfach einmal sagen, ahoi, ich steche in See, ich habe nichts gewusst, ich will nichts mehr wissen, ich will mich dem zuwenden, was da unten geschieht in den Straßen, auf den Plätzen, zwischen den Bildern. So aber verfängst du dich wie in deinem Schicksal, und du bleibst der ewige, kleine Narr, dem nicht mehr zu helfen ist. Nur der Schlaf rettet dich für Momente aus der eigenen Tragik heraus, aber möglicherweise verirrst du dich auch dort. Du kannst das Feuer nicht zurückschmeißen in den Krater des Vulkans. Hat es dich erst einmal erfasst, dann gibt es keine Rettung mehr. Es zieht dich nach innen, hinein in diese Mitte, in der du selber brennst.

Zeit aufzubrechen

Alexander M. Neumann

Die Fahnen tanzen im Wind und die Luft schmeckt nach Rauch. Wir singen das Lied des Neuen Morgen, doch wir haben den Refrain vergessen. Der Horizont ist gesäumt von Gebirgen. An diesem Morgen sind sie jedoch nur graue Schatten. Unwirklich auf gewisse Weise. Von einem bestimmten Punkt aus betrachtet erscheint die ganze Welt wie ein Gemälde. Wir aber stehen mittendrin und von unserer Perspektive aus sehen wir den Hinterhof der Hotelanlage, sehen die vollgestopften Müllcontainer, sehen Hotelangestellte an der Wand lehnen und Zigaretten rauchen, sehen einen Vogel den Himmel kreuzen, sehen in der Ferne einen Lastwagen langsam durch die Straßen rollen und wir sehen ein trübes Grau über unseren Köpfen hängen. Zeit aufzubrechen. Ich werfe noch einmal einen Blick zu den Hotelangestellten, die den Zigarettenrauch in die Frühe entsenden. Sie nicken. Es ist kein freundlicher Gruß. Wir registrieren nur einander. Denn auch sie warten auf diesen Neuen Morgen. Auch sie haben den Refrain vergessen.