An der Schwelle

Lutz Brien

Wenn ich die Nacht durchwacht habe mit ihren Tränenspuren
Und rittlings auf dem Morgen sitze, der, voll Versprechen schwanger,
Sich bläht wie ein feistes Segel, angetreten stolz wie ein Hahn,
Dann stehle ich mich in eine ruhige Ecke, zähle meine schimmernden Perlen,
Die ich mir in dieser Nacht beim Gang durch mein Labyrinth
Zusammengesammelt habe wie Krumen eines anderen Lebens
Und bin still versunken, während draußen die lauten Wagen brummen.

Die Nacht zieht sich zurück und ich werfe noch einmal die Würfel,
Die mein Tagesgeschäft bestimmen, was geben die Zahlen her?
Wird es ein Tag der Qualen oder darf ich getrost auf Winde hoffen,
Die mich stetig durch meine Kreise schicken und abends am vertrauten Ufer anlanden?

Sei dem, wie es sei, ich will noch hier am Morgenrand verweilen
Und nicht bedenken des Tages Wirken, das mir fern ist wie der Kirchenglocken Läuten.
O schöner Moment, der sich so gnädig in mir ausbreitet,
Von Dir habe ich wohl fünf, sechs in einem ganzen Jahr.
Drum stiehl Dich nicht sogleich davon und blinzle mir zu,
Während ich bestaune, welche Schätze Du mir brachtest.

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