Die Honig-Schale

Lutz Brien

Da dreht sich die Schale im Rund. Ihr zu eilen Hundertschaften, sich berauschend am reichen Honig,
der aus ihr quillt. In ihrer Nähe wird es eng, man kämpft sich durch, schiebt andere beiseite, macht
sich breit, greift mit großem Schwung in den süßen Seim, führt ihn sich zum Mund; wie torkeln die
Glücklichen nach vollbrachter Tat nach außen, beglänzt und klebrig, süß riechend nach Zucker und
Blüte. Ich hielt mich lange abseits, wagte nicht, stockte, verhärmte, legte mich flach auf den Boden.
Lief im weiten Rund immer ringsumher, in Abseiten suchend, gierig, merkwürdig. Auch peitschte
man mich nach vorne, los, versuch dein Glück. Ich wagte es. Preschte heran, warf mich voran, schob
mich durch die Menge. Immer heißer wurde mir, immer elender, ich erreichte die Schale, der Honig
troff herab, mir auf die Füße, ich klaubte ihn auf, führte ihn an die Lippen, schluckte, musste würgen,
ging zur Seite, legte mich ins Gras und wand mich in Krämpfen. Andere liefen vorbei, lachend,
prahlend, schnell ihrer Wege eilend. Ich blieb liegen, wartete, bis der süße Rausch, der mich so
bedrängte, abklang. Ich ging fort, mir andere Jagdgründe suchend, wo die Kost karger ist.

So kenne ich beides, den Überschwang der Fülle und die felsigen Wege abseits des Strömens der
Menge. Und ich merke, es war stets ein Hadern in mir, eine Not, keinen gefestigten Stand zu
erreichen, jemals. Stets schwankte der Boden unter mir, meine Schwäche traf mich bitter, denn
nirgends war ein Festes, Unverrückbares, ich ging wie auf losen Planken, die auf moorigem
Untergrund liegen, und wenn ich meinte, schneller, sicherer voran zu kommen, floss doch gleich der
Morast an meine Lippen und zog mich unbarmherzig hinab. Hätte ich wenigstens die Illusion von
Stärke besessen – ja, doch, ich hatte sie, und vielleicht war sie nicht nur Illusion, sondern zeitweise
Wirklichkeit. Hätte ich mich sonst der Schale genähert, mich ihr, in allem Schmerz, ergeben, ihren
giftigen Preis ertragen? Kargheit und Fülle, diese zwei Stachel, tief eingegraben, trieben mich voran,
so lange, bis ich, zurückschauend, über meinen Weg erstaunte, schien er mir doch wie ein Zick-Zack
Labyrinth, vielfach gebrochen, ein merkwürdiges Vielerlei, ein Ansetzen, Wagen und Zerschellen,
Mal um Mal. Solch ein Trümmerfeld der Erinnerung, und das ist also meins, dieses zersplitterte
Gemälde meiner Existenz, dieses fragile Bild, zusammengestückelt aus tausend Bruchstücken, wie
ein angestrengtes Mosaik, das in mir, inwändig mich bepflasternd, mir ständig sagt: Das warst Du,
das bist Du, so wirst Du sein; da kommt kein Architekt, Dich zu richten, lebe mit all dieser Narbung.

Wenn, nach Zeiten der Not, ich mich aufrichte und neu zusammensetze, was mir zuvor zerbrochen
ist, blicke ich auch zurück und merke eine leise Ehrfurcht angesichts dieser reichen Landschaft, in
der ich in all der Zeit unterwegs gewesen bin. Wenn die Schmerzen verblassen, die Not verschwimmt,
ein neues Leben sich zaghaft vor mir abzuzeichnen beginnt, blicke ich zärtlicher, vergebender auf
das, was war, auch wenn die kaum vernarbten Wunden noch rhythmisch pochen, während der Alltag
unaufgeregt an mir vorüber fließt…

Ein Gedanke zu “Die Honig-Schale

  1. Ein großartiger Text. Die Worte fließen geschmeidig ineinander über. Ich kann mir diese Honigschale und all das Kämpfen so bildhaft vor meinem Auge vorstellen. Besonders der letzte Absatz hat mich tief berührt.

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