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  • Dreck

    Paul Blau

    Ich suhle mich im Dreck, aus dem ab und zu einmal eine Scherbe im Edelsteindesign hervorblitzt, aber auch das ist nur Zufallsmusik. Ansonsten bleibt es bei dem, was ich immer schon aussondere und abwerfe, oder was ich finde, auf den mir zugänglichen Müllplätzen. Immerhin ist es niemals eine Sonnenschein-atme-und-liebe-Schreibe von literarisch ambitionierten Yogalehrkörpern geworden. Worauf ich stolz bin. Und es findet auch keine behördlich geprüfte gebetsmühlenhaft politisch korrekte oder perfekt durchgegenderte Sprachschande in meinen Breitengraden statt. Denn du glaubst es nicht, aber tatsächlich ist eine Frau noch immer eine Frau, und ein Mann ist weiterhin ein Mann.

    Ich suhle mich im Dreck und liebe die Verwirrkasperei. Ich drehe mich um die eigene Achse dieser Satzbauwerkstatt mit offenem Ausgang. Keine Literatur, sondern Exkremente, und das, was den Brechreiz auslöst. Ich lache dort draußen auf den Feldern, esse die Sonne auf und erkläre das Unkraut für ebenbürtig. Ich fordere einen angemessenen Platz dafür in den Auslagen der Floristik, ohne dass mir jemals ein lateinischer Blumenname geläufig wäre. Nun fülle ich den Rest des Textes mit Styroporkügelchen auf oder mit Packpapiergefasel, das in Paketen ein zu Unrecht stets verkümmerndes Dasein fristet. Ich fordere die Autonomie des Füllmaterials, die Berechtigung der Rückseite, die Erkenntnis aus dem, was unten rauskommt.

    Ich suhle mich im Dreck, und weiß noch immer nicht, wo das endet, aber im Zweifelsfall dort im Aschenbecher oder in einer verkommenen Scheibe Gelbwurst, die der Nachbarhund übersehen hat. Es ist eine Wanderschaft mit durchlöcherten Schuhen, Regenrinnengeplapper, Einsamkeitsgelalle in völliger Schmerzfreiheit. Wenn du in die Pfütze fällst, genieße den üblen Nachgeschmack, wenn du dir dabei auf die Zunge gebissen hast. Die Hauptsache ist, dass du dir noch immer ein Wort herausdrückst, unnachgiebig und ohne Rücksicht auf zarte Seelen. Ich frage nicht nach einem fragwürdigen Publikum, das ja doch nur gelegentlich erscheint und das sich den Abend manchmal gar nicht selber ausgesucht hat. Ich stelle dich zufrieden mit Prothesen, die du wie eine alte Socke über dein Leben ziehen kannst. Was für ein Spaß, über die Zeilen zu huschen, während sich der Pegel der Rotweinflasche langsam nach unten senkt. Was für eine wilde ungezähmte und ungehörige Freude heute, schweißtreibend, schrecklich und ein so herrlich bösartiger Genuss.

  • Begegnung auf dem Prüfungsamt

    Lutz Brien

    War gestern auf dem Prüfungsamt,

    da hat es mir das Herz verbrannt;

    Traf eine süße Saarländerin,

    die reichte mir ihr Lächeln hin,

    sprach von ihrer Sproch, ihrem Dialekt,

    ihre Weichheit war mir ihr schönster Aspekt,

    ich schmolz dahin, ich lächelte zurück,

    dass ich sie traf, war ein großes Glück.

  • Tempel des Lichts

    Maurice Moel

    Tempel des Lichts

    Lichtkörper

    Wie die Sonne

    und die Himmelsgestirne

    sind wir

    Tempel des Lichts,

    Lichtkörper

    Die Seele ist das

    Herzstück

    meiner

    Glückseligkeit

    Folge der Kraft

    deiner Intuition

    Und auch wenn wir eines Tages

    nicht mehr sein werden,

    so wird doch unser Licht

    nach wie vor in der Welt strahlen

    Spüre dich im Vertrauen

    Wunderschön sind deine Augen

    Kraftvoll ist die Energie

    welche aus dem Reich der

    Mitte fließt

    direkt ins Seelenmeer

    Entzünde das innere Feuer

    Wir alle sind

    wandernde Energiezentren

    Magier und Zauberer

    Es tanzen die Sterne bei Nacht

    Feuerelfen spielen Harfe

    Die Kreativität entfaltet sich

    wie ein Schmetterling

    Ich bin Schüler und Lehrling

    meines Selbst

    Schüler und Lehrling

    der Liebe, höherer Mächte des Lichts

    Es tanzen die Gestirne

    im Vollmond der Nacht

    Folge der Kraft deiner

    Intuition

  • Schwebezustand

    Alexander M. Neumann

    Siehst du das Schwert über unseren Köpfen hängen? Es pendelt – eine permanente Bedrohung – die an ihrem Schwebezustand festhält. Es droht und droht, doch hat es kein einziges Mal gewagt uns zu verletzen. Es will nur unsere Augen, die allmählich trübe werden.

    Mit jeder Stunde stumpf der Glanz ab. Haben wir jemals wirklich gelebt? Was ist aus jenen Verrücktheiten geworden, in die wir uns hatten stürzen wollen? – wieder und wieder der Sturz von dieser Brücke der Vernunft, die starr zwischen unseren Schädelhorizonten hängt.

    Ab einem gewissen Punkt, so scheint es mir, besteht die Tendenz des Rückzugs in die eigene Unbehaglichkeit. Was bleibt ist die Wiederholung des Schrecklichen, das so sehr an Intensität verloren hat, dass es gerade noch erträglich ist, wie ein schmerzender Rücken mit dem man zu Bett geht und mit dem man nach einer unruhigen Nacht wieder aufsteht. Ich möchte es dir versprechen: eines Tages werden wir uns daran erinnern, dass wir es gewagt haben – ich weiß nicht was -, doch wir werden lächeln.

  • Zu Hölderlin

    Karl Vollmer

    Ob es die Götter sind,

    wie Hölderlin sagt, die

    mich antreiben, beglücken,

    Mut geben zur Selbstreflexion,

    ich weiß nicht, ob die Worte stimmen?

    Jedenfalls ist etwas in mir,

    meine kreative Unruhe,

    meine Lust zu probieren, spüren,

    was das macht, wenn ich

    Dinge sprechen lasse, forme,

    dass sie Körper, Dinge werden,

    Düfte, Hüften, Blüten, Augen.

    Sie werden ganz konkret,

    und fliegen durch den Kosmos

    und mein Denken,

    meine Finger, meine Welt.

    Das Leben ist hineingehaucht

    durch das Sagen,

    Wort für Wort,

    durch das Bilden,

    Strich und Farbe.

    Leben zum Fragen, ja.

    Leben zum Prüfen,

    ist es gut so?

    Wir mit den Göttern, dem einen…?

  • Es gibt kein Entrinnen aus der Kunst

    Paul Blau

    Es gibt kein Entrinnen aus der Kunst, sage ich. Ich spreche es anonym in den Wind, wo das Getöse unermesslich ist. Meine Stimme klingt laut, weil sie laut sein will, weil sie laut sein muss, lauter als die zerschossenen Fahnen, lauter als die Feuer der Zerstörung, lauter als der Lärm, den die Dummheit grölend überall vollführt.

    In unseren Köpfen schlummern Schläfer, die nur darauf warten, Mohnblumen auszusäen auf all diesen vertrockneten Wiesen, in all diesen verwaisten Straßengräben, Mohnblumen, deren Blühen bleibt, wenn wir uns wiedersehen.

    Gestern waren wir nüchtern, und wir hatten keine Botschaft mehr. Aber heute, glaub mir, heute erwachen wir mit unübersehbarer Kraft. Erschöpft lagen wir dort unten im Tal und hatten keine Stimme mehr, eine Heiserkeit hatte sich ihrer bemächtigt in mächtiger Beklemmung. Nun sind wir wieder zugegen, gegenwärtig und wach. Wir trinken schlechten Wein, als wären wir genau die Legenden, von denen wir in den traurigen Tagen bereits träumten, als wären wir genau die Verlierer, mit denen wir uns verbündeten, als wären wir genau die, die immer noch etwas heraus zu würgen haben, wenn jedem Andern bereits das Wort im Halse gebricht.

    Es gibt kein Entrinnen aus der Kunst, rufe ich in eine taub gewordene Menschenmenge hinein, manchmal rufe ich, ohne dass dabei ein Ton zu vernehmen ist. Ich habe keine Waffe, ich habe nur ein Blatt Papier, das ich dir hinhalte, als hättest du darauf gewartet. In der Finsternis, die keine Sterne mehr kennt, erfinde ich dir Sterne, wenn du willst. Das ist meine geheime Fähigkeit, die ich unter der Haut trage, als müsste ich mich dafür schämen.

    Ein wirres Bilderspiel entkommt den Öffnungen, Wirrwarr überhaupt schlüpft unter den gemäßigten Fragmenten von Eierschalen hervor, die nichts ahnen von ihrer schonungslosen Bestimmung. Die Vulkane sind im Ausbruch. Die Tore sind aufgetan. Ich habe keine Zuflucht mehr. So ringt es mit mir, kämpft es sich aus mir, schlangengleich schlängelt es sich nach draußen, ergießt sich gar im Schwall. Selbst wenn ich es zu verhindern suche, um vielleicht wenigstens einmal vernünftig zu sein, ergießt es sich erbarmungslos und absichtslos bis zuletzt.

    Alles hat sich aufgelöst. Wir suchen eine Bleibe, und bleiben doch ruhelos und ohne Heimat. Wir hausen unter einem Bauwagen in der Erwartung, dass doch zu guter Letzt noch eine Abschweifung bleibt oder ein hoffnungsvoller Briefumschlag.

    Es gibt kein Entrinnen aus der Kunst, denke ich und löse die Farben aus den Worten heraus, koste sie aus bis zum Schluss. Selbst wenn sie verblassen wie so oft, und wir uns bereits mit ihrem Verschwinden zufrieden gegeben haben, werden wir am Ende doch noch eines von diesen Stillleben in Händen halten, an denen die alten Meister sich erfreuten.

    Ich weiß nicht, wo ich bleibe, also bleibe ich einfach hier. Ich sitze vor meinem Gemälde, unschuldig wie vormals, unschuldig wie ein Kind und trage Pigmente auf mit Pinseln, die meine Finger sind. Und wenn ich nur noch meine Finger habe, dann streichle ich dir die Haut bergauf und bergab, dann streichle ich dir das Öl ins Feuer. Ich brauche keine Ertüchtigung und keine Schulmeisterei, denn die Bewertungen der Museumsbesucher sind nicht mehr wert als eine Münze, die von Hand zu Hand geht. Niemand hat sich gemeldet, um mir die Sprache zurechtzufeilen, niemand hat sich gemeldet, um diese Worte abzurunden, niemand hat sich gemeldet, um sich mit mir zu versöhnen. So stehe ich einfach hinter dieser Straßenecke wie ein Video-Still, das ich mir ausgesucht habe.

    Es gibt kein Entrinnen aus der Kunst, sage ich, denn es gibt keinen Ort, sich zu besinnen, es gibt keinen Ort, selbst wenn wir traurig werden dabei. Und es gibt keine Errettung aus dem Schrei, der von der Brücke fällt. Und es gibt keinen Ausweg aus der Schönheit, die wir sind, sage ich.

  • Gott ist ein Wort

    S. A. F. Seiler

    Gott ist ein Wort

    das von meinen Lippen wegbricht,

    nur dass es nirgendwo zerschellt

    und seine Grotten voll Kristallen

    nicht freigibt.

    Dann lebe ich mich leer

    und schütte mein getrübtes Wasser fort.

    Verklinge ich mich still

    und tanze ich mich hell

    im dichten Licht

    vorbeispringenden Wassers.

    Das Leben kann in Gotteskristallstaub

    getaucht sein,

    zugeweht von fernem Aufprall.

  • Frei werden

    Simon Felix Geiger

    Im Steinbruch meiner Dunkelheiten

    trag ich festhängende Feindbilder ab

    Abgebrochene Brocken bringe ich,

    fein sie brechend, in geklärte Form

    In den Bruchstücken liegen zusammen-

    gekauert: Lichtfäden, die sich, sanft

    berührt, in Bewegung setzen und

    befreite Freundschaften eröffnen

    Entfremdung wird Zusammenhalt

    im Irrwahn-Wirr-Warr-Stimmen-Wald

    zu sich kommend lässt sich finden

    befreitwerdendes Überwinden

  • Das Schreiben ist

    Paul Blau

    Das Schreiben ist ein mieses Geschäft, ist ein lumpiger Nachtjob, bei dem die Schönheit dich immer wieder angreift, um dir ihre Klauen ins Fleisch zu schlagen, und du kannst nicht anders, kannst dich ihrer nicht erwehren, verbrauchst Unmengen von Papier, müllst all deine Zustände damit voll, es gibt keinen Schutz, und nur betörende Substanzen retten dich darüber hinweg, dass du wieder einmal am Leben vorbeitreibst. Die Fenster sind voll von Perlen, und bei genauerem Hinsehen entpuppen sie sich oft doch nur als Regentropfen. Du hast dir dieses Zimmer erfunden, um endlich frei zu sein. Und nun? Es dringen die Träume zu dir vor, um dich in ihren Bann zu ziehen, wie auch immer sie zu dir sprechen, du musst sie beherzigen und etwas mit ihnen beginnen. Da sitzt du vor deinen Zeilen, dabei würdest du so gerne einfach einmal sagen, ahoi, ich steche in See, ich habe nichts gewusst, ich will nichts mehr wissen, ich will mich dem zuwenden, was da unten geschieht in den Straßen, auf den Plätzen, zwischen den Bildern. So aber verfängst du dich wie in deinem Schicksal, und du bleibst der ewige, kleine Narr, dem nicht mehr zu helfen ist. Nur der Schlaf rettet dich für Momente aus der eigenen Tragik heraus, aber möglicherweise verirrst du dich auch dort. Du kannst das Feuer nicht zurückschmeißen in den Krater des Vulkans. Hat es dich erst einmal erfasst, dann gibt es keine Rettung mehr. Es zieht dich nach innen, hinein in diese Mitte, in der du selber brennst.

  • Zeit aufzubrechen

    Alexander M. Neumann

    Die Fahnen tanzen im Wind und die Luft schmeckt nach Rauch. Wir singen das Lied des Neuen Morgen, doch wir haben den Refrain vergessen. Der Horizont ist gesäumt von Gebirgen. An diesem Morgen sind sie jedoch nur graue Schatten. Unwirklich auf gewisse Weise. Von einem bestimmten Punkt aus betrachtet erscheint die ganze Welt wie ein Gemälde. Wir aber stehen mittendrin und von unserer Perspektive aus sehen wir den Hinterhof der Hotelanlage, sehen die vollgestopften Müllcontainer, sehen Hotelangestellte an der Wand lehnen und Zigaretten rauchen, sehen einen Vogel den Himmel kreuzen, sehen in der Ferne einen Lastwagen langsam durch die Straßen rollen und wir sehen ein trübes Grau über unseren Köpfen hängen. Zeit aufzubrechen. Ich werfe noch einmal einen Blick zu den Hotelangestellten, die den Zigarettenrauch in die Frühe entsenden. Sie nicken. Es ist kein freundlicher Gruß. Wir registrieren nur einander. Denn auch sie warten auf diesen Neuen Morgen. Auch sie haben den Refrain vergessen.