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  • Erwachsen werden wir nicht mehr

    Paul Blau

    Mit dem aufgeschäumten Farbenspiel und dem Rock ´n Roll auf unserer Seite hatten wir so manchen Abend zugebracht. Erwachsen werden wir nicht mehr, sagten wir und glaubten an unsere Lederjacken, bis wir merkten, dass wir sie an den Haken gehängt hatten. Aber immer wieder kehrten wir in die Keller zurück, um dort heimlich unsere Stimmen am Schmirgelpapier zu wetzen. Und die verstaubten elektrischen Gitarren erweckten wir noch einmal kurz vor dem endgültigen Stromausfall.

    Wir zählten zwar die Falten, die wir gemeinsam mit unseren Kindern angesammelt hatten, aber wir spielten hinter unserer durchlebten Haut auch weiterhin verrückt, während unsere Kinder sich längst peinlich berührt in die besseren Wohnviertel zurückgezogen hatten. Erwachsen werden wir nicht mehr, sagten wir und wir lachten uns an mit den Zeichnungen des Lebens in unseren Gesichtern. Wir hatten uns entschieden für die windige Ecke und für das Zimmer mit dem wechselnden Licht.

    Während die Rollläden nach unten rasselten, um die Dämmerung aufzuhalten, sammelten wir all die beigen, gelangweilten Klamotten für das Fegefeuer. Den Blick in den Spiegel verschenkten wir an den Tanztee-Freundeskreis, und die Einladungen zum Stelldichein lehnten wir ab mit der Begründung, dass unser Liebesleben noch nichts mit Stützstrümpfen zu tun hat. Erwachsen werden wir nicht mehr, sagten wir, und wir gingen wieder einmal baden, aber nass wurden wir dabei nicht.

    Irgendwann hörten wir damit auf, unsere Geburtstage zu feiern. Wir begaben uns lieber nach draußen unter den schütteren Mond, küssten die vorbeieilenden Wolken und warteten auf den Nachhall des Glücks. Wir heulten wie diese umherstrolchenden Vierbeiner, die den Swing schon in der Hundeschule lernen. Wir liebten die Nacht, oh, wie wir sie liebten, die immerwährende, sternhagelvolle sturzbetrunkene Nacht. Erwachsen werden wir nicht mehr, sagten wir, und der Rest war einfach nur unser Herzschlag, wummernd wie ein Kontrabass.

  • Lebendigkeit II

    Alexander M. Neumann

    I

    Die Fremde in der Ferne

    tritt näher,

    tritt in mein Herz –

    unsere Augen funkeln

    einen Nachmittag lang.

    II

    Blickverschmelzung & Atem-

    berührung im sanften

    Oktoberlicht.

    Ein innerer Frühling

    erwacht.

    III

    Gelockt von Tanzlichtern

    & Rummelgedränge.

    Dem Verblühen der Seele

    sprechen wir heute

    ein Nein aus.

  • Wundenwandlung

    Simon Felix Geiger

    Durch das Verletztsein hindurch

    wandeln sich Wunden in Segen.

    Es legen sich Angst, Sorge, Furcht

    in lebendiges Wasser und Leben.

    Ich-Zerstörung durch verbalen Dreck

    aus Herzinnenraum-Ruinen entsteigt

    neue Hoffnung, im hellen Versteck,

    die sanft um Verletzlichkeit weiß.

  • Das Blau der Morgensonne

    Maurice Moel

    Ich komme vom Wasserfall

    und bringe blühende Blumen

    sprudelnder Inspirationsquellen

    Stürmische Himmelsreiter

    zeigen sich abrupt

    wie eine Vorahnung

    Mit den Gewittergöttern

    spreche ich

    offen und ehrlich

    Alles ist hier

    Alles ist uns gegeben

    Nutze die Kraftblitze

    in positiver Intuition

    Vom Wasserfall komme ich

    Ich bin einfach ich

    Alleinsein

    AllEinsSein

    in der Natur

    Nur du und das

    vor Freude wild,

    lautschlagende Herz

    Vollkommenheit

    berührt von dem Glück

    Hohe Herzschwingungen

    Alles ist Eins

    einzigartig

    wahrhaftig

    unglaublich

    einfach schön

    Lichtfrequenzen

    im Mondschein

    Eine sanfte Dunkelheit

    umarmt meine süßen Träume

    Bergkristallwasser fließt

    beständig

    Vorbehaltlos

    spreche ich die Sprache

    meiner Liebe

    Ich bin vollkommen da

    am Tor des Himmels

    Lagerfeuerflammen tanzen

    Sänger goldener Morgensonnen

    Ich bin vollkommen hier

    Wasserfälle und der

    rauschende Bach

    All meine Worte

    lege ich beiseite

    Ich bewundere

    und lobpreise

    die absolute Gegenwart

    Fühle den Herzschlag

    Alles ist hier

    kraftvoll und im reinen

    mit dem Ursprung

    Urgewalten

    gewaltige Natur

    erfüllt von Zauber

    Magier der Nacht

    Friedvolle, weise

    Baumriesen

    des Wissens

    Harmonisch,

    vibrierende

    Energiewellen

    Ruhestätte eines Wanderers

    Vom Wasserfall komme ich

    Ich schöpfe aus dem

    Wasser der Weisen

    „Du bist so viel mehr

    noch als du glaubst,

    mein Freund“

    flüstert die Stimme

    im Dickicht

    Nächte schlage ich

    mir um die Ohren

    Meine Tage sind unzählbar

    Ich bin AllEins

    mit mir und der Welt

    Ich schöpfe Wasser

    aus dem Wüstenbrunnen

    Brennende Hitze

    geduldig und beharrlich

    Dromedare wandern nach Mekka

    Wir rennen immer wieder in die gleiche

    Richtung und stolpern über

    unsere eigenen Wurzeln

    Salz meiner vergossenen Tränen

    Freude im Herzen

    Die Essenz meines Leben

    ist die Liebe

    Wir sind von einem

    besonderen Schlag

    Schmutz und dien

    lärmende Straße

    vom Asphalt und

    der weiten Weltse

    Bringe Farbe ins Spiel

    und LEBE

    Poesie schreibe ich

    ~ die Kunst des Seins ~

    in das Blau der Morgensonne

  • Die Unerreichbarkeit

    Paul Blau

    Aus der noch immer nassen Sehnsucht, aus der niemals gestillten, aus dem unvollkommenen Bild, aus der unfertigen Zeichnung, aus den Augen, die eine undurchsichtige Farbe tragen, daraus lebe ich, aus dieser schmerzlichen Erwartung, aus diesem wellenvollen Strom. Die Unerreichbarkeit ist mein Strohhalm, der mit mir versinkt, der es nicht zu Ende bringt.

    Da ist dieses weiche Gesicht in der Metro, das kurz vor einem Lächeln innehält, da ist das dunkelhäutige Kind, das sich mit einem glänzenden weißen Fettstift über seine schwarzen Lippen fährt, es ist lockig und bunt wie der afrikanische Kontinent, da ist die alte Dame, die zwischen dichtgedrängten Körpern hindurchsteigt, um einen entfernten freien Sitzplatz zu ergattern, während der Zug sich bereits wieder in Bewegung setzt, da ist die Schönheit einer Frau, die so jung ist, dass es mir unmöglich erscheint, auch nur einen einzigen Gedanken an sie zu Ende zu denken.

    Alle sind sie unerreichbar, alle sind sie wie die Verse einer Poesie, die wartet, bis das, was fertig gestellt ist, wieder auseinanderreißt, damit sie sich von neuem auf die Suche begeben kann nach der Zusammensetzung der Sprache, nach den richtigen Worten, nach den falschen, die mich dazu auffordern, das Ungelöste fortzusetzen.

    Da sind die Sätze in unleserlicher Schrift, die neben die blinkenden Willkommens-Slogans der Sexshops am Place Pigalle hingeschrieben worden sind und die niemand versteht. Zum Glück sind sie ein Ratespiel und sichtbar nur für den, der sie bereits kennt.

    Ich frage nicht mehr nach dem Erreichbaren, dem ich misstraue. Die Wahrheit ist, dass es keine Gesichter gibt und keine Namen. Und auf den Straßen sind die Fragezeichen aufgereiht, als wären sie Hinweisschilder.

  • Denn dafür bist du gemacht

    Alexander M. Neumann

    Manche Tage verlangen alles von dir,

    all deinen Mut, all deine Kraft.

    Du starrst in ein Loch – nichts tut sich dort,

    nicht einmal ein Blinzeln.

    Anderswo wird Liebe gemacht,

    auf altmodische Weise.

    Du bäumst dich auf – trotz allem.

    Du suchst noch einmal die Herausforderung,

    bevor dein alterndes Fleisch verrottet.

    Denn dafür bist du gemacht:

    dich aus glühender

    Asche erheben.

    Denn dafür bist du gemacht:

    dich selbst übersteigen

    und triumphieren,

    mit Morgenröte

    in den Augen.

  • Der Augenblick der Kaffeetasse

    Harald Fuchs

    Der Augenblick der Kaffeetasse.

    Hände kippen langsam,

    Wärme an Fingern.

    Moment der Vorfreude,

    wie Sonnenstrahlen auf der Haut.

    Dann Berührung an Lippen.

    Nicht trinken,

    nur anspülen lassen.

    Leichte Bewegung der Hände.

    Brandung vor Augen.

    Atem fährt in Dampf,

    kommt zurück.

    Duftend aus der Öffnung.

    Beschlägt.

    Du bist Fenster,

    bist Atem,

    atme dich selbst.

    Wie in einer kleinen,

    warmen,

    feuchten,

    einer

    warmen,

    feuchten

    Höhle.

  • Warten auf den nächsten Morgen

    Alexander M. Neumann

    Drei Uhr morgens: Schwarzer Kaffee an einem abgelegenen Rasthof, unterwegs nach Nirgendwo, verfolgt von unbeantworteten Fragen, verfolgt vom Atem Gottes. Mein letztes Bargeld tausche ich gegen eine Schachtel Zigaretten. Der Rauch treibt richtungslos in die Nacht hinaus – auch er kennt keine Antwort, auch er kommt nirgendwo an. Ein Auto fährt auf der entfernten Straße und verschwindet in der Dunkelheit. Auch ich verschwinde, werde konturlos, und suche nach einer neuen Form im langsam emporstrahlenden Tageslicht.

  • Und schleiche mich für diese Nacht aus der Welt

    Paul Blau

    Hinter ausgeklappten Läden dumpfen die kratzenden Geräusche der muskulösen Nachtarbeiter von den Straßenbahnschienen dahin. Eric Truffaz´ Trompete schafft mir Tanzschritte in die Beine, aber eigentlich will ich mich überhaupt nicht mehr bewegen. Meine persönlichen Düfte bewahre ich mir im Innern meiner Kleider für andere Entdeckungsreisen auf. Es ist ein Abend kurz nach elf, und ich warte auf den verlotterten Schweiß, der mir in die südländischen Träume zu kriechen versucht. Ich habe mir vorgenommen, diese Seite voll zu schreiben, ohne dass mich jemand darum gebeten hat. Selbst das Großstadtlicht schwankt unter der Wucht der reglosen Palmen, die sich hier angesiedelt haben – wie vom Sommer gerufen. Sie speichern das Licht, dabei würde ich die bodenlose Finsternis all den Wundern dieser Wüste vorziehen. Den Balkonpflanzen trocknet die Erde unter den Wurzeln weg. Was nützen die täglichen Schüttungsorgien aus modernen Gießkannen? Ich habe geglaubt, ich könnte mich hier verstecken, um mich vor dem Fieber zu schützen. Meine Finger zappeln sich durch die Fernbedienung, aber am Ende bleibt ja doch der Rotz im Taschentuch. Während irgendwelche Klänge in die Leere des Himmels platzen, und die Hitze aus uns allen das Innerste herauspresst, verweile ich in den Seilen wie in einer ranzig gewordenen Hängematte. Während sich überall die Kondensgewässer zu Tröpfchen sammeln und sich die Mückchen mit der Elektrizität überfälliger Lampen anzufreunden versuchen, hänge ich meine Wünsche an den Nagel und schleiche mich für diese Nacht aus der Welt. 

  • Irgendein Café

    Harald Fuchs

    Eine Schöne sitzt am Tisch.

    Sie versteckt ihre weiche Unterlippe im Mund und schreibt ihre Hausaufgaben.

    Das Blut, Le Sang, steht auf dem Block, den sie mit drei Fingern festhält,

    während sie die anderen beiden leicht in die Luft streckt.

    Das Blut steht da.

    Sie setzt ihren Stift an wie ein Skalpell,

    glatte, saubere Schnitte.

    Schnitte, doch nicht Blut, Schönheit fließt,

    als ihr eine Locke ins Gesicht fällt und mir nur noch eines ihrer Augen lässt.

    Um ihre Nase tanzen Sommersprossen.

    Die sehen aus wie ausgeworfene Samen ihren braunen Augen,

    verteilt mit ein paar sanften Schlägen ihrer Wimpern.

    Einige davon fallen in meinen Kaffee und ziehen dort Kreise.

    Ich hebe langsam die Tasse und lasse den Inhalt, schwarz und süß,

    vorsichtig über meine Zunge gleiten,

    um auch kein einziges ihrer zufälligen Geschenke zu verpassen.

    Paris, Café Musèe, gleich beim Musèe Rodin.