Startseite

  • Und wenn dann alles neu beginnt

    Paul Blau

    Und wenn dann alles neu beginnt,

    womit fang ich an?

    Mit dem barocken Wetter des zweiten Weihnachtstages,

    und dem auftauenden Dreck an meinen Schuhen,

    mit der Sehnsucht,

    die sich ein Bettlergewand überzogen hat?

    Mit den ausgebliebenen Antworten

    auf den ewigen Kreislauf meiner nicht endenden Gedanken?

    Mit der Hoffnung darauf, dass jemand da ist

    oder mit der leeren Wohnung,

    die mich kalt umarmt,

    da die Festbeleuchtung längst schon wieder

    abgeschraubt und verpackt worden ist?

    Fange ich an mit dem angelaufenen Adventskalender,

    der mit ungeöffneten Türchen einfach so

    widerstandslos dem Januar in die Hände gefallen ist?

    Komm ich auf diese Weise irgendwohin?

    Fang ich mich wieder?

    Fang ich den Ball der Welt,

    der da neben mir beinah explodiert

    oder werfe ich ihn lieber meinem Nachbarn zu?

    Schreibe ich etwas in das leere Buch,

    in das kaum entschlüpfte Jahr,

    irgendwas, nur um wieder zu schreiben?

    Fällt mir etwas ein,

    wenn dann doch alles neu beginnt?

    Nehm ich den Tag,

    die Stunde jetzt

    oder bleibe ich versunken?

    Nehme ich die Bilder alle mit

    oder stell ich sie zurück in den Schrank

    und schau stattdessen

    dem süßen Glanz des Vergessens ins Gesicht?

    Oder berühre ich den raureifigen, sonnenbeschienenen Morgen

    mit dem Klang des Erwachsens,

    der mir vom Rand meiner Kaffeetasse entgegentönt?

  • Gib mir…

    Alexander M. Neumann

    Gib mir

    aufmunternde Worte in Reimen verfasst.

    Gib mir

    Schlagzeilen, die nur Gutes berichten.

    Gib mir

    neue Chancen auf Liebe und Glück.

    Gib mir

    Aufbruchsfantasien und Nachmittage im Oktoberlicht.

    Gib mir

    Rossini.

    Gib mir

    Ravel.

    Gib mir irgendwas

    und ich zeig dir, dass ich’s noch kann:

    Sterne küssen und Nacht erhellen.

  • Geordneter Rückzug

    Paula C. Georges

    Kommst du zu dir

    komm ich zu dir

    vorbei die Avantgarden

    mit ihren Monstranzen

    ungläubig allem Mächtigen

    und Ohnmächtigen

    die Liebe überlebt

    gehen wir

    trotten

    tanzen

    wie natürlich die Posen

    Archiv von Flaum

    geräumiges Nichts

    in den Tatzen

    die Tyrannisierten

    nutzen jedes Kichern

    und kichern

    desinfizieren das Memory

    mit winzigen Heiligen

    stets bereit

    zum Abschied

    und in den Pfützen

    der Unterführung

    die Whistleblower

    Vögel des Jahres

  • An der Schwelle

    Lutz Brien

    Wenn ich die Nacht durchwacht habe mit ihren Tränenspuren
    Und rittlings auf dem Morgen sitze, der, voll Versprechen schwanger,
    Sich bläht wie ein feistes Segel, angetreten stolz wie ein Hahn,
    Dann stehle ich mich in eine ruhige Ecke, zähle meine schimmernden Perlen,
    Die ich mir in dieser Nacht beim Gang durch mein Labyrinth
    Zusammengesammelt habe wie Krumen eines anderen Lebens
    Und bin still versunken, während draußen die lauten Wagen brummen.

    Die Nacht zieht sich zurück und ich werfe noch einmal die Würfel,
    Die mein Tagesgeschäft bestimmen, was geben die Zahlen her?
    Wird es ein Tag der Qualen oder darf ich getrost auf Winde hoffen,
    Die mich stetig durch meine Kreise schicken und abends am vertrauten Ufer anlanden?

    Sei dem, wie es sei, ich will noch hier am Morgenrand verweilen
    Und nicht bedenken des Tages Wirken, das mir fern ist wie der Kirchenglocken Läuten.
    O schöner Moment, der sich so gnädig in mir ausbreitet,
    Von Dir habe ich wohl fünf, sechs in einem ganzen Jahr.
    Drum stiehl Dich nicht sogleich davon und blinzle mir zu,
    Während ich bestaune, welche Schätze Du mir brachtest.

  • Cannobio am See

    S. A. F. Seiler

    Sand und Steine. Am Strand in Cannobio. Dort, wo ein Fluss mündet. Er kommt aus einer tiefen Schlucht, später werden wir durch das Tal fahren, als dann aber die Nacht uns verbirgt, wie steil die Hänge sind, jenseits des Straßenrands. Doch wir legen uns an den See, als das Licht noch da ist, an die Mündung des Flusses. Zeit für ein Bad. Ich schwimme. Sie wäscht sich die Haare im kalten Wasser. Die blaue Schale, in der sie die Lavaerde aufgeweicht hat, treibt von ihr weg. Das Wasser ist so kalt, dass meine Tagträumerei abreißt für einige Minuten, aber ich muss mich noch nicht wehren und zittern, während ich schwimme, wie manchmal im November. Wir liegen hinter den Steinen, die sie zwischen dem See und dem Park aufgeschichtet haben. Es ist noch warm, aber die Blätter im Park sind gefallen. Später gehe ich ein paar Schritte am Ufer entlang, südwärts, damit ich schauen kann, wo der See im Süden endet. Über dem Süden hinter den Bergen am Ende des Sees ist der Himmel noch hell, gelblich-weiß, von einer warmen Färbung, wie heller Bernstein, aber gelbe und rosafarbene Rosen sind eingemischt. Nur für einen Augenblick bleibt dort am Horizont alles gemalt, wie es gerade ist. Es, das muss wohl sein, beginnt nun doch wieder in mir, die Bilder erscheinen, vom südlichen Leben und von Gassen und Hainen, in denen keine Kälte die Menschen in Behausungen vertreibt. Im Park, wo ich gerade bin, schlendern noch die Familien und die Paare über die wenigen Pfade und blicken auf den See. Sie sind beieinander bis in alle verabredete irdische Ewigkeit und kehren immer wieder heim miteinander und zueinander. Ich bin neidisch, zugegeben, und träume davon, heute Abend hier, an der Straße dieses Sees in diesem fremden Land durch eine Tür zu gehen, hinter der eine Frau wartet mit Kind und warmem Essen auf dem Herd. Eine Frau, die meine Sprache nicht spricht und auf andere Horizonte zulebt, die auch mir ein aufgehendes Leben schenken. Mir, dem, der sich verloren hat im Beobachten und dort Erfüllung fand, was ihm aber kein Brot auf den Tisch gebracht hat. Mir, der sich ausgeliefert hat seit vielen Jahren. Später denke ich dann: Christus ist der Lichtpunkt in der Zeit.  Boote rattern vorbei und das Wasser gluckst und gurgelt zwischen den Steinen am Ufer. Ich blicke, wie immer. Ich atme. Es ist mild, während nördlich der Berge bereits die kalten Nordwinde heranströmen. Doch noch einmal erkenne ich: die Blätter sind auch hier bereits gefallen. Auf der schmalen Straße zwischen dem Ufer und den aufragenden Bergen hupen die Mopeds und die Motorräder dröhnen vorbei. Italienische Rufe. Die Wolken aus dem Westen legen sich auf die Hänge, aber der Regen bleibt aus. Die italienischen Rufe verstehe ich nicht, doch ich fühle mich so wohl damit, dass sie mir fremd bleiben. Sie verschonen mich mit Bedeutung, die mich hinabziehen könnte in einen Alltag. Wenn ich ehrlich bin, zu mir, dann bin ich doch ein glücklicher Verlorener, denn ich verliere mich in Tönen, Farben, Orten, im Vorüberziehenden, das hier den Bleibenden für immer gehört und für sie wohl das Unbedeutende ist. Mir wird nichts unbedeutend, denn ich bin der Eine, der wie die Wolke heranzieht, sich umschaut und geht. Und doch suche ich einen Wegweiser, auf dem Heimat steht.

    www.sebastianseiler.de

  • Noch kannst du einen Brand entfachen

    Alexander M. Neumann

    Bruchstücke der Wirklichkeit liegen vor dir ausgebreitet

    wie lose Glieder einer Puppe.

    DOCH es gibt keinen Puppenspieler, keinen geheimen Plan.

    Es gibt nur diese Absurditäten.

    Du willst dir einen neuen Namen geben,

    dir eine neue Geschichte erfinden.

    DOCH du weißt: es gibt kein Entrinnen

    aus dem eigenen Fleisch.

    Du schwebst dahin, kleiner Feuerfunke,

    dem Erlöschen nah.

    DOCH sie gewiss: noch kannst du

    einen Brand entfachen.

  • Sonnenfinsternis

    Paul Blau

    Die Lilien schlossen ihre Kelche.

    Die Zebras trauten sich nicht mehr aus den Häusern.

    Die Ameisen liefen im Kreis herum,

    und die Trauerweiden ertranken im Fluss.

    Die Menschen richteten ihre Augen zum Himmel

    und bewegten sich nicht mehr.

    Stille.

    Manche schalteten ihre Beleuchtungen an.

    Andere sprangen aus dem vierten Stock.

    Zwischen zwei Wolken

    feiertest du einen kurzen Triumph,

    blauer Mond.

    Für einen Augenblick

    fülltest du das Herz der Sonne

    mit deinem Körper aus und ruhtest in ihr,

    einen Hochzeitskuss lang.

    Der Gesang von Nachtigallen setzte ein,

    und die Süchtigen wandelten mitten am Tag

    auf ihren selbstgesponnenen Seilen,

    und sie stürzten nicht.

    Du aber spieltest deinen Augenblick,

    als wäre er ein ganzes Bühnenstück.

  • Wie wir lieben

    Paula C. Georges

    In einer Allee

    ein Lachen

    so schnellhell

    unmögliches Foto

    und dann siehst du

    einen Oberarm

    und kannst nicht wegsehen

    im Garten anderer

    ein Herzklo

    gebaut

    du rennst über eine Lichtung

    und verfängst dich

    alles sieht dich an

    und huldvoll

    nur scheinbar nur amüsiert

    nimmst du an

    alles geht in Erfüllung

    ein Gespräch

    eine Berührung

    nur eine

    sich neben einem Gestorbenen legen

    stiller als still

    Gesänge

    die dich tragen

    und dein eigener Jubel

    so lange schreien

    und schluchzen

    bis du nur noch einschlafen kannst

    als wäre da nie ein Wiegen gewesen

    und so heiß

    dass du baden kannst

    ohne zu baden

    und Erinnerungen

    eigentlich Gedichte

    aus dir strömen

    manchmal hustest du

    um aufzuwachen

    aber es ist gar kein Traum

  • Die Honig-Schale

    Lutz Brien

    Da dreht sich die Schale im Rund. Ihr zu eilen Hundertschaften, sich berauschend am reichen Honig,
    der aus ihr quillt. In ihrer Nähe wird es eng, man kämpft sich durch, schiebt andere beiseite, macht
    sich breit, greift mit großem Schwung in den süßen Seim, führt ihn sich zum Mund; wie torkeln die
    Glücklichen nach vollbrachter Tat nach außen, beglänzt und klebrig, süß riechend nach Zucker und
    Blüte. Ich hielt mich lange abseits, wagte nicht, stockte, verhärmte, legte mich flach auf den Boden.
    Lief im weiten Rund immer ringsumher, in Abseiten suchend, gierig, merkwürdig. Auch peitschte
    man mich nach vorne, los, versuch dein Glück. Ich wagte es. Preschte heran, warf mich voran, schob
    mich durch die Menge. Immer heißer wurde mir, immer elender, ich erreichte die Schale, der Honig
    troff herab, mir auf die Füße, ich klaubte ihn auf, führte ihn an die Lippen, schluckte, musste würgen,
    ging zur Seite, legte mich ins Gras und wand mich in Krämpfen. Andere liefen vorbei, lachend,
    prahlend, schnell ihrer Wege eilend. Ich blieb liegen, wartete, bis der süße Rausch, der mich so
    bedrängte, abklang. Ich ging fort, mir andere Jagdgründe suchend, wo die Kost karger ist.

    So kenne ich beides, den Überschwang der Fülle und die felsigen Wege abseits des Strömens der
    Menge. Und ich merke, es war stets ein Hadern in mir, eine Not, keinen gefestigten Stand zu
    erreichen, jemals. Stets schwankte der Boden unter mir, meine Schwäche traf mich bitter, denn
    nirgends war ein Festes, Unverrückbares, ich ging wie auf losen Planken, die auf moorigem
    Untergrund liegen, und wenn ich meinte, schneller, sicherer voran zu kommen, floss doch gleich der
    Morast an meine Lippen und zog mich unbarmherzig hinab. Hätte ich wenigstens die Illusion von
    Stärke besessen – ja, doch, ich hatte sie, und vielleicht war sie nicht nur Illusion, sondern zeitweise
    Wirklichkeit. Hätte ich mich sonst der Schale genähert, mich ihr, in allem Schmerz, ergeben, ihren
    giftigen Preis ertragen? Kargheit und Fülle, diese zwei Stachel, tief eingegraben, trieben mich voran,
    so lange, bis ich, zurückschauend, über meinen Weg erstaunte, schien er mir doch wie ein Zick-Zack
    Labyrinth, vielfach gebrochen, ein merkwürdiges Vielerlei, ein Ansetzen, Wagen und Zerschellen,
    Mal um Mal. Solch ein Trümmerfeld der Erinnerung, und das ist also meins, dieses zersplitterte
    Gemälde meiner Existenz, dieses fragile Bild, zusammengestückelt aus tausend Bruchstücken, wie
    ein angestrengtes Mosaik, das in mir, inwändig mich bepflasternd, mir ständig sagt: Das warst Du,
    das bist Du, so wirst Du sein; da kommt kein Architekt, Dich zu richten, lebe mit all dieser Narbung.

    Wenn, nach Zeiten der Not, ich mich aufrichte und neu zusammensetze, was mir zuvor zerbrochen
    ist, blicke ich auch zurück und merke eine leise Ehrfurcht angesichts dieser reichen Landschaft, in
    der ich in all der Zeit unterwegs gewesen bin. Wenn die Schmerzen verblassen, die Not verschwimmt,
    ein neues Leben sich zaghaft vor mir abzuzeichnen beginnt, blicke ich zärtlicher, vergebender auf
    das, was war, auch wenn die kaum vernarbten Wunden noch rhythmisch pochen, während der Alltag
    unaufgeregt an mir vorüber fließt…

  • Wald IV

    Lea Ammertal

    Im Wald begegnet dir die Welt

    anders oder bist du es etwa

    die anders schaut sieht be

    trachtet zum Beispiele diese

    Schnecke die über den Weg

    Kriecht unter ihrer Glanzspur

    Nadeln Moos Erde Steine

    und das Licht des

    späten Nachmittags

    Wie es seitlich auf die Schuppen der

    großen Forche fällt ist das etwa

    deine Hand an ihrem Stamm

    an der trockenen warmen Borke

    Hast du die Lichtung Wagners

    des in vergessner Dämmerung

    ausharrenden Dichters Christian

    aus Warmbronn im Sinn etwa

    Mit ihrem Brombeergeranke

    seine Worte wie seltne Blumen

    gepflückt Falter gesprochen

    ziehst deine Kreise leise…